Premiere: 16. November 2010 20h
17./18./19. und 20. November 2010, 20h


Ein Theaterprojekt mit Texten von Gert Jonke
Mit:
Jaschka Lämmert
Volker König
Günther Treptow

Fassung/Regie: Andrea Hügli
Bühne/Kostüm: Nikolaus Granbacher
Musikkonzept: Ralf Metzler
Musiker: Ralf Metzler, Mario Kofler

Dramaturgische Beratung: Ingrid Ahrer
Rechte: Verlag Jung & Jung
Eine Produktion des Vereins FRONTZEMENT im Rahmen des Theaterfestivals theater trifft.

Die österreichische Provinz wird von Gert Jonke in seiner frühen Prosa neu vermessen. Er entwirft, changierend zwischen fröhlicher Apokalypse und schräg-surrealem Witz einen imaginären Kontinent, dessen Vertrautheit fremd und damit überraschend erscheint. In seiner, gleichsam aus großer Höhe entworfenen Topographie, spiegeln sich, anhand einer zutiefst verwundeten Landschaft, die Verwerfungen unserer sich zu Tode siegenden Moderne, deren Heilsversprechen sich unter der Hand in einen Alptraum verwandeln.
Das Theater „diemonopol“ unter der Regie von Andrea Hügli zeigt eine Textcollage aus den Romanen: Geometrischer Heimatroman (1969), Glashausbesichtigung (1970),
Die Vermehrung der Leuchttürme (1971).

„Es gibt nicht nur eine Heimat, sondern deren einige, wenn nicht unzählige. Ich glaube auch nicht an normale Heimaten. Ich kann nur Heimaten vermuten, die durch andere Heimaten unterbrochen werden oder auf vielfältige Weise miteinander verknüpft und verknotet sind. Oft handelt es sich hier um erfundene Heimaten oder wahrscheinlich um Heimaten in unserer Vorstellung“ .
(Gert Jonke)

Autor:
Gert Jonke (1946- 2009) war einer der wichtigsten Autoren der österreichischen Gegenwartsliteratur. Er ist mit seinen Erzählungen, Romanen und Theaterstücken weit über die Landesgrenzen Österreichs bekannt geworden und wurde im Lauf seiner Schriftstellerkarriere vielfach ausgezeichnet. 1977 war er der erste Preisträger des Ingeborg Bachmann-Preises, 1997 erhielt er den Erich-Fried-Preis und den Franz-Kafka-Literaturpreis, 2002 folgte der Große Österreichische Staatspreis für Literatur und 2005 der Kleist-Preis, 2006 der "Arthur Schnitzler"-Preis. Ende November 2008 erhielt Jonke zum dritten Mal (nach den ebenfalls von Christiane Pohle inszenierten Auftragswerken "Chorphantasie" im Jahr 2003 und "Die versunkene Kathedrale" 2005) den "Nestroy"-Autorenpreis für das beste Stück für "Freier Fall".

Im Rahmen des Theaterfestivals "theater trifft".

Kritik:

Tiroler Tageszeitung 19.11.2010
Nicht jeder Tag ist ein „Lederhosentag“

Diemonopol turnt eine Jonke-Collage und gewinnt auf allen Längen.
Von Sabine Strobl
Innsbruck – Ein paar jazzige Klänge füllen vorerst den tollen Raum des Innsbrucker Theaters „diemonopol“, das im Rahmen des Theaterfestivals „theater trifft“ mit dem akrobatischen Projekt „jonke-luft-topographie“ überrascht (eine Produktion des Vereins Frontzement). Das ländliche Österreich ist Thema bzw. seine Gesellschaft, die in einer absurden Komödie dem Untergang zusteuert. Dafür hat Regisseurin Andrea Hügli Texte aus frühen Werken Jonkes, „Geometrischer Heimatroman“, „Glaushausbesichtigung“ und „Die Vermehrung der Leuchttürme“, alle bis 1971 erschienen, verwendet.
Die Sache ist nicht unbedrohlich. Da mag die Musik noch so fein beginnen (Musikkonzept von Ralf Metzler). Die drei Erzähler des Abends, Jaschka Lämmert, Volker König und Günther Treptow, berichten von der Luft, die nicht nur in den Städten ausgeht. Von den Bäumen, die gefällt werden, weil sich dahinter schwarze Männer verbergen könnten. Neue Gesetze gelten dann auf dem blätterlosen Dorfplatz. Die drei erzählen aber auch von einem Haus am Waldrand und von einem am Bauplatz. Dann wäre da noch das Glashaus, in das man besser nicht geht. Es ist eben nicht jeder Tag ein „Lederhosentag“. Die Darsteller schreien, rezitieren, tragen lyrisch vor und flüstern im Trio, aber sie turnen den Text auch. Mit Stöckelschuhen auf dem Schwebebalken, mit Liegestützen, in der Luft auf Rohren hängend oder auf dem Klo in der Höhe von 1,70 Meter – raffiniert das Bühnenkonzept samt Wasserbad von Nikolaus Granbacher.
Von Minute zu Minute ist es spannend zu erleben, was hier mit Stimme, Musik, Körper und Licht ausprobiert wird. Manches Mal lädt eine Gedichtzeile zum Verweilen ein, manches Mal verliert man den Text im Getümmel der Sinne. Der Kreis schließt sich. Zurück zu Luft und Wald und der Hoffnung, dass sich aus Holzwürmern Mörtelwürmer entwickeln. Eine eigenwillig schöne Verneigung vor dem im vergangenen Jahr verstorbenen Schriftsteller Gert Jonke.

Kritik:

Wortgewaltige Landvermessung

Andrea Hügli bringt im „monopol“ eine Collage von Gert Jonkes früher Prosa mutig auf die Bühne
Gewaltige Sätze, Kaskaden prasseln da herab, hervor, herauf, herüber, von allen Seiten in einer raumgreifenden Inszenierung. Regisseurin Andrea Hügli hat mit „jonke-luft-topographie“ ihre eigene Collage der experimentellen Prosatexte des Sprachakrobaten Gert Jonke auf die Bühne gebracht – und das Risiko hat sich auch dank schauspielerischer Kraftakte gelohnt.
Jonkes frühe Prosaarbeiten der Jahre 1969 bis 1971 „Glashausbesichtigung“, „Verehrung der Leuchttürme“ und vor allem der bei Erscheinen Aufsehen erregende „Geometrische Heimatroman“ bilden hauptsächlich das Material dieses Nicht-Stücks.
„Das Land ist“ bei Jonke „in Rechtecke eingeteilt“, die Bühne bei Hügli durch große hölzerne Dreiecke geordnet. Jonkes Sprachgeometrie, seine Wort- und Satzbausteine, spiegeln sich im Bühnenbild und nicht nur da. Auch die Aufstellungen, die Figurenkonstellation der drei beeindruckenden Bühnenakteure Jaschka Lämmert, Volker König und Günther Treptow formen sich durch deren Raum nehmende Sprech- und Körperpräsenz zu immer wieder wechselnden dreidimensionalen Formen, in denen sich die Kräfteverhältnisse laufend verschieben.
Wenn Jonke Dinge „zerbrechen, zerbersten, zerstäuben“ lässt und auf „Lufträume“ nur „Luftblasen“ folgen, wenn er im alphabetischem Schwall neue Wortwelten aneinander reiht, sprachrhythmisch bewundernswert, oder gar „Luftleergebiete“ baut, spielt er sich, und nicht nur. In diesen hochartifiziellen Texten sind die oft so zwanghaft erscheinenden (sprachlichen) Alltagswelten, Heimaten, aufgehoben, zumindest radikal hinterfragt.
Die Sprachakrobatik der Texte findet dabei in der schauspielerischen auf der Bühne im Monopol-Keller eine nicht einfache, gelungene dramaturgische Akzentsetzung: ob in den Liegestützen von Volker König, die einen Hauch von Erschöpfung wenigstens andeuten, oder in Jaschka Lämmerts Balanceakt mit Band am Balken neben den getürmten Sektgläsern. Da wird das durch Live-Musik (Ralf Metzler, Mario Kofler) begleitete Sprachstück auch zur ironischen Revue.
Jonkes Wortwitz, diese umstürzende Sprachwelt, mag vielleicht nicht mehr als experimentelle so provokant wirken wie vor 40 Jahren. Was aber Jonkes sarkastische Ironie, mit der er oft Naturwelten darstellt, punktuell auch an gesellschaftspolitischer Aktualität hintergründig offenbart, etwa angesichts zunehmenden sicherheitspolitischen Zugriffs auf flüchtende, Heimat suchende Menschen, erstaunt: Selbst „der Schatten hinter den Bäumen“ ist nicht mehr da, in dem sich „dunkle Elemente verbergen“ könnten, weil „keine Bäume mehr“ da, um sich zu verstecken. Die Naturwelt, ins Alptraumhafte gesteigert, wird zur sozialen.
(Benedikt Sauer)

Kritik:
jonke-luft-topographie
Ein Theaterprojekt mit Texten von Gert Jonke im Theater „diemonopol“, Regie: Andrea Hügli

Die Poesie der Katastrophe

Gleich zu Beginn wird die Luft knapp. Und das kommt nicht daher, dass man – wie so oft in kleinen Theatern – in einem Kellerraum sitzt. Es kommt daher, dass die drei Protagonisten auf der Bühne (hervorragend: Jaschka Lämmert, Volker König, Günther Treptow) so eindringlich schildern, wie sie in der Stadt Atemnot bekommen. Auf dem Land eröffnen sich eventuell bessere Möglichkeiten, sich eine neue Lebensweise anzueignen: „Der Dorfplatz ist leer – wir könnten drübergehen!“
Aber die Menschen sind offenbar nicht für Idyllen geschaffen. Sie wähnen in der Natur eine Bedrohung: „In den Schatten der Bäume sind die schwarzen Männer verborgen.“ Die Wälder werden gerodet, das Land wird mit Holz getäfelt und in Rechtecke eingeteilt, deren Konturen Zäune markieren. Und dann hat auch noch jemand das Maisfeld zusammengerollt. Was will man hier im Zaun bzw. Zaum halten, wenn nicht auch die eigene „wilde“ Natur?
Dass es um Elementares geht, wird in diesen Textpassagen, die Regisseurin Andrea Hügli aus drei frühen Gert Jonke-Romanen zu einer überzeugenden, wortmächtigen Collage zusammengestellt hat, mit allen Elementen durchgespielt: Luft, Feuer, Wasser, Erde. Was das Szenario noch bedrohlicher macht: Es sind keine dumpfen Kreaturen, die ihrem Untergang entgegen dämmern, sondern Menschen, die ihr Schicksal reflektieren und mit elaborierten Codes die Katastrophe aufzuhalten oder sie schön zu reden versuchen. Die Sprache schafft Distanz zum Erlebten und täuscht einen etwaigen Handlungsspielraum nur vor: „Ich empfinde das alles als mich tief berührendes Naturereignis!“ Wer so spricht, hat seinen Bezug zur Natur – auch zu seiner eigenen – längst verloren. Was nützt es da, wenn man sich wortreich einen Schwarm Vögel zu imaginieren versteht, der gar nicht vorhanden ist. Und so werden in diesem Stück die Menschen nicht nur von einer ökologischen, sondern auch von einer psychologischen Katastrophe heimgesucht.
Jonkes geniale Wortakrobatik findet in dieser Inszenierung ein Pendant auch im körperlichen Ausdruck: Inmitten der Bruchstücke von Häusern balancieren die Schauspieler wagemutig über Balken und gleichzeitig über die Abgründe der Sprache, sie erklimmen Leitern und Bedeutungen, hanteln sich an Wortketten und Heizungsrohren entlang. Im Gegensatz zu Ralf Metzlers zurückhaltend komponiertem Musikkonzept ist das an manchen Stellen fast zu viel an Unterstreichung der eindrücklichen Sprachbilder. Wenn die Illustrationen zu dicht werden, schließt man am besten die Augen und hört einfach Gert Jonke zu. Das ist immer ein großartiges Erlebnis!
(Irene Prugger)