Don Juan kommt aus dem Krieg | Generationentheater
Premiere: 27. November 2010 20h
28.11. 18h, 29.11-1.12. 20h


Theaterstück von Ödön von Horwath
Es spielen: Rosmarie Aufderklamm, Margot Gasse, Sonja Krejci, Gudrun Obitzhofer, Walter Plattner, Karin Schebesta, Gigi Schneider, Alfgund Schett, Karin Schrittwieser, Maria Wibmer.

Leitung : Gertraud Kopp
Austattung/Licht: Nikolaus Granbacher
Dramaturgie: Andrea Hügli
Bühnenfassung : Marc Pommerening

Produktion Verein Frontzement Sektion Generationentheater diemonopol
Don Juan, die archetypische Männerphantasie vom omnipotenten Verführer, will Horvath in seiner 1934-36 entstandenen Schauspiel-Variante "ganz vom Standpunkt der Frauen aus" deuten. Er dekonstruiert gleichsam den Mythos, indem er seinen seltsam passiven Verführer durch eine gründlich aus den Fugen geratenen Nachkriegswelt taumeln lässt, immer auf der Suche nach der durch seine Schuld verstorbenen Braut, die ihm spukhaft in jeder Frau wieder begegnet. Keine einzige Liebesszene gibt es in dem gespenstischen, an Goya oder Kubin erinnernden, alptraumhaften Reigen, voll grotesker Bilder und Situationen.
Don Juan ist das Relikt einer durch die Katastrophe des 1.Weltkriegs gründlich kompromittierten Männerwelt, dessen Position angesichts gewandelter weiblicher Rollenmuster nachhaltig erschüttert wird.

Info und Kartenbestellung unter: gertraud.kopp@gmx.at theater@diemonopol.net
Tel: +43(0)664/24 25 993

Kritik:
Neun Frauen, ein Mann bespielen eine Bühne, auf der vereinzelt noch Remineszenzen der wunderbaren
jonke-luft-topographie zu erkennen sind, mit der Andrea Hügli (Regie)
und Nikolaus Granbacher (Bühne/Kostüm) das zweite freie Theaterfestival theater trifft, poetisch neu
vermessen haben. Die Spuren kommen nicht von ungefähr: Hügli und Granbacher mischen auch in dieser
Produktion des Generationentheater im diemonopol mit. Sie als Dramaturgin,
er selbstredend als Ausstatter. Für die Regie hat sich die engagierte Generationentheater-Leiterin Gertraud Kopp dieses Mal den vor allem auch als Theaterautor bekannten Marc Pommerening geholt,
von dem zuletzt in Tirol 'Gottes Guerilla' zu sehen war. Ein beachtliches Stück, das er für das sogenannte
Gedenkjahr schrieb und von Andrea Hügli in der Hofgarten-Gärtnerei
inszeniert wur-de. Beachtlich deshalb, weil er darin das verordnete Gedenken (an was auch immer)
auf intelligent subversive Weise seinem provinziellen politisch gerade opportunen Mief enthob und einmal
mehr deutlich machte, dass der Fundamentalismus zu allen Zeiten ganz gezielt für Machtinteressen instrumentalisiert wird. Dieses ebenso bedachte wie konsequente Abtragen von Mythen scheint tatsächlich ein zentrales Thema für Pommerening zu sein.

Denn auch Ödön von Horvaths Stück 'Don Juan kommt aus dem
Krieg' unterscheidet sich radikal von fast allen Werken über diesen kolportierten Frauenseelen-Konsumenten.
Auch wenn Don Juan fast bei allen Autoren und Künstlern, die sich mit diesem paradigmatischen
Frauenverführer beschäftigt haben, meist ein wenig rühmliches Ende nimmt, so blitzt doch über weite
Strecken immer wieder unverhohlene Bewunderung für diesen amoralischen pathologischen Frauenverführer
auf.
Ganz anders bei Horvath: er zeichnet Don Juan als systemische
Konstante in einer Gesellschaft, in der die Frauen immer wieder aufs Neue der Versuchung erliegen, sich
über die Liebe eines Mannes zu definieren. Zwar fordern die vom Krieg gezeichneten Frauen gleich
zu Beginn des Stückes ein, dass die Vorherrschaft des Mannes fallen
muss. Und fast scheint es, als hätten sie, die im Krieg plötzlich ganz allein auf sich gestellt waren, daraus ein
neues Lebensgefühl und auch eine Art neues Selbstbewusstsein entwickelt.
Eine, die Don Juan zum Tanzen auffordert, meint gar:' warum sollten nur die Männer Don Juane sein?' Doch dieser Anflug von Emanzipierung täuscht: schon wenig später findet sie sich in der Rolle des fallen gelassenen Liebes-Opfers wieder. Denn in einem Gesellschaftssystem der Geschlechterhierarchie ist Don Juan,
wie es scheint, der personalisierte Exekutor. Da mag selbst er noch
anfänglich glauben, dass er sich im und durch den Krieg verändert habe, bei entsprechenden Angeboten
steigt er schließlich doch wieder in dieses System ein und spielt sein altvertrautes Spiel weiter. Er weiß
selbst nur zu gut: 'Ich bringe den Damen nichts Gutes', aber er
kommt eben damit durch. Erst als er des Kindesmissbrauchs bezichtigt und damit plötzlich aus seiner
gesellschaftlich sicheren Rolle rausgeworfen wird, scheint sich auch sein Schicksal zu wenden.
Marc Pommerening hat dieses kühl sezierende Stück gestisch klar und schnörkellos auf die Bühne gebracht.
Er lässt sogar die Szenenanweisungen sprechen und versteht es ganz wunderbar, die Atmosphären
der jeweiligen Szenen nur über die Positionierung der Darstellerinnen im Raum anzudeuten. Der Text
ist in seiner verdichteten und gleichzeitig distanziert erscheinenden Emotionalität zweifelsohne eine
Herausforderung. Was freilich berührt und begeistert, ist die Aufarbeitung
eines Themas, das nach wie vor enorme Brisanz hat, wie uns erst jüngst eine Titelgeschichte der Zeit über die Situation der Frauen in Österereich bescheinigte. Um so erfreulicher, dass gerade das Generationentheater
sich immer wieder pointiert und kritisch mit emanzipatorischen Themen auseinandersetzt.
Im Spiel der Darsteller/innen schwingt jedenfalls viel Wissen um die realen Geschlechterverhältnisse
wie auch um die fortwährend produzierten Lebenslügen und Selbsttäuschungen mit.
(Christine Frei)